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Ansichtssache: The Homesman

Dezember 23, 2014

Ob ich in diesem Jahr noch einen Ausflug in ein Lichtspieltheater schaffen werde, ist an dieser Stelle ungewiss. Allerdings sicher bin ich mir, mit einer guten Wahl für einen Kinobesuch (vielleicht auch noch vorerst) dieses Kinojahr beenden zu können.

Ohne entsprechende Mundpropaganda hätte es „The Homesman“ wohl nicht auf meine Liste geschafft. Ich bin weder großer Fan von Western noch von einem der Hauptdarsteller und kenne auch die Vorlage nicht. Teilweise war es auch Zufall, dass ich den Film im O-Ton sehen konnte, was zusätzlichen Anreiz bot.

Die Geschichte des Films um eine beschwerliche Reise durch unerschlossenes Land zu Zeiten des Wilden Westens lässt sich zwar in wenigen Sätzen zusammenfassen, aber die damit verbundenen Fragestellungen hallen dafür ungemein nach. Das fängt bei Emanzipation und Abhärtung an, geht über humanes Miteinander, bis hin zu Rehabilitierung. Faszinierend sind dabei die Graustufen mancher Charaktere, was die Vergabe von Sympathiepunkten beeinflussen mag oder vielleicht gerade nicht.

Der Film ist überwiegend rau wie die Natur der Schauplätze erscheint. Das tut sie auch sehr glaubhaft. Verschönert wird in der jüngsten Regie-Arbeit von Tommy Lee Jones wirklich wenig bis gar nichts. Und es gibt Szenen, bei denen das Hingucken schwer fallen mag. Jedoch ergibt sich gerade aus der Einöde und dem Minimalismus (so gut wie keine Effekte oder Shaky-Cam-Szenarios) ein erfrischend anderes Kinoerlebnis mit Nostaligie-Charme, bei dem die kleinen Akzente von Hoffnung oder Humor umso kontrastreicher wirken.

Fazit: „The Homesman“ ist ein packendes Drama im Western-Gewand – insofern sollten sich geneigte Zuschauer darauf besser einstellen. Dann werden sie belohnt mit einem sehr guten Werk, bei dem Besetzung, visuelle Bildgewalt, musikalische Untermalung und Handlung stimmig sind. (7/10)

Es verbleibt vielleicht als reinkarnierter Homesman
F.

Ansichtssache: Blau ist eine warme Farbe

Dezember 22, 2013

Zum diesem Jahresende habe ich den Eindruck, dass wir nicht mit vielen Großproduktionen im Kino überschüttet werden. Vielleicht weil die Konkurrenz vor dem „Hobbit-Hype“ kapituliert und sich damit miese Einspielergebnisse sparen möchte. Egal… ich nutze die Zeit dann eben für Nicht-Mainstream-Filme. Einen solchen habe ich gestern gesehen. Und das veranlasst mich nun zu den folgenden Zeilen.

Aufmerksam wurde ich auf den Film „Blau ist eine warme Farbe“ durch das „deutsche“ Plakat, welches sich von der Abbildung hier stark unterscheidet. Neben der Farbkombination fand ich die Ausdruckskraft der Darstellerinnen beeindruckend, welche auf ein mitreißendes Liebesdrama vermuten ließ. Einige Zeit später sah ich den Trailer zum Film, der zwar irgendwie nichtssagens daherkam, aber dennoch mein Interesse halten konnte.

Und so war der entsprechende Kinobesuch nur eine Frage der Zeit. Apropos Zeit: huch, so ausartend habe ich den Handlungsverlauf eines Dramafilms selten erlebt (Stichwort Spieldauer), was ich im Vorfeld gar nicht gedacht hätte. Und apropos ausartend: mit Tabus schienen die Filmmacher wohl nicht viel am Hut zu haben. Da wurde den Hauptdarstellerinnen sehr viel abverlangt. Mehr als es eine amerikanische Produktion scheinbar jemals zulassen würde.

Aber der Film besticht nicht nur durch die Attribute lang und explizit. Nein, die Geschichte um Adéle’s Beziehungsleben während ihres Einstiegs in die Erwachsenenwelt ähnelt einer Achterbahnfahrt der Gefühle und Konflikte. Und dank der durchweg grandiosen Leistung der Besetzung entsteht ein überaus authentischer Eindruck – sowohl hinsichtlich der Charaktere als auch auf die Handlung bezogen.
Hinzu kommen noch Einschübe von Politik, über Karrierewege, Kunst, Philosophie, Literatur und ein Hauch Gesellschaftskritik. Und nein, das Ergebnis wirkt dadurch nicht langweilig.

„Blau ist eine warme Farbe“ würde selbst ohne ausführliche Bettszenen ein meisterhaftes Filmdrama sein, welches vielleicht manchen Gelegenheitskinogängern beweist, das modernes Kino nicht nur noch zur Berieselung oder Effekteschau verkommen muss. Denn den Grad des Schockiertseins bezüglich der dargestellten alternativen Lebensweise bestimmt der Zuschauer selbst. Auch da setzt das Werk aus meiner Sicht ein Zeichen – nämlich dass die „Achterbahn Liebe“ bei all der möglichen Verschiedenheit der Teilnehmer irgendwie doch oft gleiche Facetten der Freude und des Leids parat hält.

Gibt es auch Kritik? Ja, ein wenig ging mir die Zeitachse verloren. Und auch kleine Randnotizen über Adéle’s Lebenswandel wären als Ergänzung schön gewesen.

Fazit: ein durch und durch herausragendes Drama mit unglaublich starker Ausdruckskraft. (8/10)

Es verbleibt geplättet
F.

Ansichtssache: Amour

Februar 25, 2013

Ganz knapp vor der Oscar-Nacht 2013 möchte ich noch meinen Senf zu diesem Film aus Frankreich geben, der zumindest dort schon mit Preisen versehen wurde.

Die Handlung in einem Satz: Ein älteres Ehepaar hält zusammen – mit zunehmenden Schwierigkeiten.

Und das fand ich schon schwieriger zu ertragen als beispielsweise einen Splatter-Horror.
Noch deutlicher? Okay…
Nach 30 Minuten war ich mehr oder weniger schon bedient (inklusive Vorahnung über den weiteren Verlauf).
Nach 60 Minuten hatte ich Angst vor der Antwort auf die Frage, ob das noch schlimmer wird.
Nach 90 Minuten wollte ich nur noch, dass der Film zu Ende geht.

Und damit zu meiner Kritik: der Film ist zu lang. Ja, die Macher möchten das nicht im Nebenbei abhandeln, was in all den Momentaufnahmen passiert. Nur grenzt das für mich teilweise schon an Qual, wenn unangenehme Situationen bis ins Letzte ausgekostet werden müssen. Ich meine, dass ein Zusammenschnitt auf die halbe Spielzeit (also etwa 1 Stunde) ausreichen würde, ohne das Ziel groß zu verfehlen.
(Nur was, wenn es genau das Ziel ist, den Zuschauer mit dem Drama zu traktieren? Dann sind die Macher echt fies.)

Produktionstechnisch besticht das Werk durch Schlichtheit. Da so ziemlich alles in der (geräumigen) Wohung abspielt, könnte dies fast ein Bühnenstück werden. (Wenn auch kein Leichtes.) Und ja, schauspielerisch wird hier viel geboten, was natürlich für Hauptdarstellerin Emmanuelle Riva eine Herausforderung gewesen sein muss. Realismus ohne Ende. So viel Realismus, dass ich am Ende beinahe froh bin, dass es sich hier um Schauspieler handelt.

Dennoch frage ich mich, warum der Film seinen Titel trägt, denn „Liebe“ möchte ich zumindest nicht mit dem Inhalt in Verbindung bringen. Da fallen mir eher eine Reihe anderer Begriffe ein.

Fazit: „Amour“ ist etwas für Interessierte und Zuschauer, die 2 Stunden Drama abkönnen. Keine leichte Kost! (Mit Ausrufezeichen.) Dennoch vermittelt der Film ohne Beschönigung Einblicke in das Beziehungsleben, wie man es selten sieht, sehen will oder gezeigt bekommt. (7/10)

Es verbleibt nicht wirklich gerührt
F.

PS: Damit habe ich es wohl erstmals geschafft, alle Nominierten in der Kategorie „Bester Film“ vor der Oscar-Verleihung gesehen zu haben. Meine Favoriten sind „Life Of Pi“ und „Silver Linings Playbook“, auch wenn wohl eher „Zero Dark Thirty“ oder „Argo“ gewinnen werden. „Les Misérables“, „Lincoln“ und „Django Unchained“ wären zwar auch möglich, aber nicht so wahrscheinlich. Noch weniger Chancen räume ich neben meinen Favoriten noch „Beasts Of The Southern Wild“ ein. Aber richtig unwahrscheinlich ist doch wohl „Amour“. Eigentlich schon etwas gemein von der Academy, diesen Film gegen die anderen Schwergewichte ins Rennen zu schicken.