Ansichtssache: Gatsby, Gatsby, Gatsby

Ende März las ich das Buch (auf Englisch), am Wochenende schaute ich den Film von 1974 und soeben sah ich den neuen Film von Baz Luhrmann. Dass ich obendrein noch den Soundtrack kürzlich hörte, wäre noch eine Ergänzung, aber nicht so wichtig.

Anmerkung: Spoiler Alert! (Es werden Handlungselemente angesprochen.)

Zum Werk an sich: Der Roman ließ mich ziemlich kalt, was hauptsächlich daran lag, dass ich wenig Sympathiepunkte verteilen kann. Alle Charaktere sind wahlweise suspekt oder durchtrieben in ihrem Verhalten. Möglicherweise wird das durch den Abstand bezüglich Ära, Kultur und sozialem Status verstärkt.
Unter anderem hatte ich die Eckdaten der Prohibition in Amerika nicht gleich parat und konnte den Aspekt erst nach weiterer Recherche dem Werk zuordnen.

Und ich finde die „Auflösung“ um den mysteriösen Gatsby auch nicht gerade skandalös – dann schon eher den Hintergrund um seinen sozialen Aufstieg, was aber nur am Rande behandelt wird. Stichwort Geschäft.

Erst durch die Verfilmung(en) wurde das zwischenmenschliche Drama für mich verständlicher. Einerseits der hoffnungslose Optimist, der sein Streben nach seinem „lebenslangen Schicksalsschatz“ ausrichtet, und andererseits der ehrenwerte Gehilfe, der einen besonderen Blickwinkel auf das Geschehen hat und mit Geheimnissen beladen wird. Für beide Figuren scheint es kein Happy End zu geben.

Zu den Filmen: Während ich schon bei der Adaption aus den 70ern von opulenten Bildern reden würde, kann (auch dank CGI) in der neuen Verfilmung eindeutig noch eine Schippe draufgelegt werden. Aus Pomp wird Über-Pomp. Stichwort Anwesen.

Unabhängig von den offensichtlichen Unterschieden in der Machart (bezüglich Zeitgeist und technischen Möglichkeiten) finde ich den Film mit Robert Redford sehr nah an der Vorlage. Dagegen erlaubte man sich beim neuen Film mit Leonardo DiCaprio einige Abweichungen. Stichwort Erzähler. Beide Hauptdarsteller machten aus meiner Sicht das Beste aus ihrer Rolle. Und auch sonst kann ich mich bei der Besetzung nicht beklagen. (Mehr möchte ich hier nicht vergleichen.)

Was allerdings macht diese „Neuauflage“ von 2013 für mich nicht ultimativ? Irgendwie finde ich diesen neuen Gatsby nicht ganz so „great“, weil er doch schärfer in seinem Handeln kritisiert wird. (Sogar das Wort „Kimineller“ fiel.) Und auch der Wutausbruch ließ ihn beinahe manisch erscheinen und kratzt so an der coolen Gelassenheit im Vorfeld. (Gatsby trifft in dieser Version auch nicht auf Daisys Tochter, was ja noch ein wesentlicher Schockmoment gewesen wäre.)

Am Ende bleibt für mich die Frage, ob Gatsby wirklich so viel besser als die anderen (reichen) Leute war. Ja, er hat sich seinen Wohlstand selbst erarbeitet, wurde dann aber mindestens genauso verschwenderisch. Lediglich seine Treue zeichnet ihn aus bzw. sein fester Glaube an die Liebe. Aber das allein macht einen Menschen aus meiner Sicht nicht „great“. Und am Ende scheint er auch keine große Lücke hinterlassen zu haben.

Fazit: „Der große Gatsby“ in der 2013-Version ist ein berauschendes Drama mit gewaltigen Bildern, guten Darstellern und einem auffälligen Retro-Soundtrack – also genau das, was man von dem Regisseur erwarten würde. Nur empfand ich einige Details zu überzeichnet. Da wären mir mehr menschliche Momente lieber gewesen. (7/10)

Noch eine Randbemerkung: Ich bin sehr angetan von „Young And Beautiful“, dem Soundtrack-Song von Lana Del Rey, weil es so wunderbar melancholisch klingt. Nur habe ich mich auf dem Heimweg noch gewundert, worauf sich das bezieht. Gatsby stand ja dafür, dass es gerade nicht um oberflächliche Dinge wie Aussehen und Reichtum gehen sollte, wenn man eine Beziehung eingeht. Aber dann fiel mir ein, dass es wohl eher aus der Sicht von Daisy zu betrachten ist. Für die Frau ist es in dieser Ära ja wichtig, sowohl vom Mann versorgt zu werden als auch sich bestätigt zu fühlen. Und da außereheliche Affären für den Mann keine Seltenheit waren, ist eine Frage wie „will you still love me when I’m no longer young and beautiful?“ durchaus relevant, wenn man von Oberflächlichkeit umgeben ist.

Es verbleibt etwas geblendet
F.

Nachtrag: Gut, das „großartig“ ist wohl auch als zeitgebunden zu verstehen. So war es in den 1920ern scheinbar ein Idealbild (des Autors), wenn man als Visionär Reichtum und Ansehen erlangt und sich in der High Society eingliedern kann. Und nicht zuletzt wird Jay Gatsby im neuen Film vor allem von Nick als „great“ betrachtet, was er unter anderem mit Ausstrahlung und Strebsamkeit (nach oben) begründet. Nur wird spätestens bei der Beerdigung deutlich, dass dieser Eindruck nicht von vielen Leuten geteilt wird.

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